Samstag, 6. Juni 2015

Altes Testament und falscher Humanismus

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat Äußerungen des Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka zur Bedeutung des Alten Testaments heftig kritisiert. Slenczka behauptet, es habe den gleichen Status wie die Apokryphen (außerbiblische Schriften) der Lutherbibel und dürfe somit nicht zum biblischen Kanon gehören. Er hat damit laut Meister im jüdisch-christlichen Dialog „unglaublich viel zerstört“. „Er hat nicht nur ein Glas vom Tisch gestoßen, sondern gleich das ganze Tischtuch weggerissen“, sagte Meister in einer Veranstaltung zur Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs. [...]

In dieser Hinsicht hat Landesbischof Meister vollkommen Recht, auch wenn ich primär den Schwerpunkt nicht auf den jüdisch-christlichen Dialog an sich legen will. Lässt man das Alte Testament offiziell weg, ergeben sich gerade für das Neue Testament und damit für das Christentum allgemein völlig grundlegende Probleme:

- Der Traditionsbruch: Wer ist dieser Gott der Juden, der auch der Gott der Christen zu sein scheint? Was ist das Vorverständnis dieses Glaubens und Kultes und wieso lässt man ihn hier bei "Null" beginnen? Was hat es mit den Gesetzen und deren Lebensweise auf sich?

- Der Bruch in der Kosmologie und Anthropologie der Bibel: Welche Bedeutung haben Mensch und Welt, wenn die Schöpfungsgeschichten wegfallen? Gerade darauf baut ja die Verkündigung Jesu als abschließende und vervollkommende Offenbarung ja auf!
- Fragwürdigkeit der Erlösung: Worin bestand die Sünde (des Ungehorsams und des Misstrauens), die den Menschen von Gott trennte und gab es diese überhaupt, wenn man die Schilderung davon nur noch unter der Bezeichnung "Apokryphe" gelten lässt?
- Und wer zum Henker sind überhaupt Moses und Elijah und warum tauchen sie plötzlich neben Jesus in der Verklärung auf dem Tabor auf???


Das dürfte Professor Slenczka sicher bewusst sein. Man muss daher an dieser Stelle nach den Gründen für dieses vorgeschlagenen Schritt fragen.
Dass das Alte Testament für viele (besonders für solche, die es nur oberflächlich kennen) als grobschlächtig gilt, dürfte bekannt sein, wenn jedes Mal das Argument auftauchte, dass es gerade deswegen nur halbwertig gegenüber dem Neuen Testament durchgehen sollte, das sich durch seine "Humanität und Menschenliebe" davon komplett abhebe. 
Übersehen wird dabei, dass diverse "Grobschlächtigkeiten" (Krieg, Mord, Totschlag, Ehebruch, Betrug) nicht als Prinzipien empfohlen werden. Im Gegenteil, sie werden tatsächlich offen kritisiert (z.B. die Verbrechen König Davids), in Einzelfällen gelten sie lediglich als auffällig genau verordnete Ausnahmen (z.B. Krieg gegen diverse Stämme Kanaans, die versuchen, die Israeliten zu vertreiben, vgl. dazu besonders Buch der Richter und Buch der Könige/Chroniken). Wer also wegen Abel und Kain das Alte Testament ablehnen sollte, verhält sich wie jemand, der die Rechtsprechung ablehnt, nur weil jemand aus freien Stücken bei seinem Nachbarn eingebrochen hat. Der Staat kann und darf nicht alles kontrollieren und auch Gott tut das generell nicht, weil es sonst die Handlungsfreiheit des Menschen einschränkt. Was nicht bedeutet, dass er es im Notfall auch mal tut, worüber ebenfalls oben erwähnte AT-Kritiker monieren, bzw. es lediglich als Metapher abtun. Wovon wir es ja schon gestern hatten.


In diesem Kontext wird Slenczka in Verbindung mit zwei anderen Bewegungen gebracht, die das Alte Testament verdrängen wollten: Den Markionisten und der "Deutschen Christen". Doch leider wird man ihm dadurch nicht wirklich gerecht, vor allem in Hinblick auf die völlig verschiedenen Beweggründe.

Im Markionismus liegt ein gnostischer Dualismus zugrunde, der auch durch die ebenfalls gnostische Sekte der Manichäer bekannt sein dürfte: Der böse Gott (göttliche Kraft?) beherrscht das Alte Testament, das von Gewalt geprägt ist. Davon befreit der gute Gott des Neuen Testamentes, deswegen ist das Alte als Teufelswerk komplett abzulehnen. Punkt. 
Grundlage dafür dürfte der aus Persien stammende Zoroastrismus sein. Dies ist bei Slenczka jedoch nicht vorzufinden.

Die Ablehnung, die bei den durch die Nationalsozialisten gesteuerte Deutsche Christen für das Alte Testament aufkam, war dagegen vollkommen rassistisch begründet. Ihnen schwebte  ein sogenanntes positives Christentum vor, das sich nach belieben dem pseudo-biologistischen Humanismus (der übrigens nur Vertretern der "germanisch-arischen Rasse" zukam) der NS-Doktrin zu unterwerfen hat, wozu auch das Beseitigen von jüdischem Gedankengut (das ebenfalls auf deren negatives Erbgut zurückzuführen sei) ging, das als "schädigend auf den Volkskörper" empfunden wurde. Man vergleiche auch das Vorgehen im Fall der "Deutschen Physik".
In diesem Klima wurden schon vorher den Juden nicht nur physische, sondern auch geistige Grausamkeiten vorgeworfen, dass Jesus dem noch gerade entgangen war, lag an der Strategie, ihn zum Arier zu erklären. 
Dass es sich dabei um ein aufgezogenes "Christentum" (bewusst in Anführungszeichen) handelt, dürfte ersichtlich sein, wenn sich die abwertende Bemerkung Hilters gegenüber Juden- und Christentum gleicherseits betrachtet, sowie seiner Meinung, man solle, wenn es nicht anders ginge, eher die Religion als den Staat abschaffen (vgl. ebenfalls "Mein Kampf"). Wann dieses Konstrukt in sich selbst zusammengebrochen wäre, ist in der Hinsicht nur eine Frage der Zeit gewesen, wenn man davon absieht, dass es von einem Großteil der deustchen Protestanten abgelehnt worden ist. Mit Slenczka hat es aber ebenfalls nichts zu tun, weswegen ich diesen Vorwurf, dass er dieser Bewegung nahe sei, als vollkommen unberechtigt empfinde.

Übrig bleibe dagegen die eine Möglichkeit: Eine Art theologisch-exegetischer Pseudo-Hegelianismus. In seinem Buch "Die Erziehung des Menschengeschlechts" hat Gotthold Ephraim Lessing in der Zeit der Aufklärung bereits die Möglichkeit dargelegt, dass es sich bei dem Alten Testament um eine Art pädagogisches Buch handeln würde, das den Menschen auf Christus als den "Verkünder der neuen Humanität" vorbereitet, um ihn schließlich zum eigenständigen (säkularen) Handeln anzuleiten. Sollte es aber eine bessere Grundlage für diesen Humanismus (auch ohne Gott) geben, könne man getrost beide "Krücken" entfernen.
Man kann jetzt auch nach der Theorie der geschichtlichen Entwicklung und Vervollkommnung Hegels auf dieser Schiene weiterfahren: Das Neue Testament löst das Alte ab, weil es neuer und damit besser entwickelt und reflektiert sei. Das dürfte auch erklären, warum der Professor sie noch so als "Apokryphen" durchgehen lassen will. Sie werden nicht wirklich abgeschafft, aber auf ein Abstellgleis geschoben. 

Was dem aber verdächtig nahekommt und ebenso irrsinnig ist, weil es gerade diese Schriften waren, die dem Herrn und den Evangelisten vorlagen und in deren Rahmen sich auch das Heilsgeschehen abspielt und vollendet wurde. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, ob es auch Teil des Neuen Testamentes treffen würde oder sogar das ganze Werk und sich der Glaube in einem diffusen Humanismus auflösen wird, der sich eines Tages letztendlich selbst noch unterhöhlt. Vergessen wir nicht: Es war das Christentum, das dem antiken Humanismus der Philosophen durch seine Garantie eines liebenden und eingreifenden Schöpfergottes, der die Menschen nach seinem Bilde geschaffen hat, neuen, noch ungekannten Auftrieb verlieh. Dazu jedoch mehr in einem anderen Beitrag.



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